Eine Demo als wohlverdienter Schulterklopfer für die erfolgreiche antifaschistische Arbeit in Marburg.
Antifa Marburg

Keine „Historikertagung“ in Marburg

Auszug aus der Recherche „Möchtegernhistoriker mit Mützen“

Eigentlich wollte der „Arbeitskreis der Studentenhistoriker“ (AKSt) seine 85. Jahrestagung vom 17. bis zum 19. Oktober 2025 in Marburg ausrichten. Aufgrund vielfältigen Widerstands in der Stadt wurde die Veranstaltung aber kurzfristig abgesagt.

Nachdem das Treffen 2024 in Heidelberg störungsfrei stattfinden konnte, suchte sich der AKSt Marburg als nächsten Tagungsort aus. Voller Vorfreude auf „Alte Burschenherrlichkeit“ in der mittelhessischen Idylle lud man offen auf der Homepage des Arbeitskreises nach Marburg ein – und stieß auf enormen Widerstand in der Stadt. Die Tagung sollte auf den Häusern verschiedener Marburger Studentenverbindungen stattfinden. Das Programm umfasste vor allem Vorträge. Geplant waren ebenso ein Festakt in der Universitätskirche, Stadtführungen und eine Besichtigung des Karzers, dem alten Gefängnis der Universität. An der Veranstaltung beteiligten sich Bünde und Personen vom Coburger Convent (CC), der Deutschen Burschenschaft (DB), dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV), dem Weinheimer Senioren Convent (WSC), dem Burschenbunds-Convent (BC), dem Schwarzburgbund (SB), dem Österreichischen Cartellverband (ÖCV) und dem Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV).

Nachdem die Nutzung der Marburger Unikirche untersagt wurde, es Farbanschläge auf Korporationshäuser und einen Kampagnenaufruf unter dem Motto „Die Studentenhistorikertagung zur Geschichte machen“ gab, sagten die Organisatoren die Tagung ab. Sie fand letztlich in stark verkleinerter Form an einem unbekannten Ort statt. Im AKSt forschen Mitglieder unterschiedlicher Bünde zur Geschichte der Korporationen. Anders als der Begriff suggeriert, erforschen die selbsternannten Studentenhistoriker jedoch nur die Geschichte der Studierendenverbindungen, nicht die Geschichte der Studierenden.

Kritik an der Tagung

Die Jahrestagung des AKSt ist als verbindungsstudentische Veranstaltung grundsätzlich zu problematisieren. Auch dieses Jahr in Marburg ist damit zu rechnen gewesen, dass dort Geschichtsrevisionismus betrieben würde und Burschenschaften der extrem rechten DB maßgeblicher Teil der Veranstaltung sein würden.

Antifaschistische Korporationskritik hat eine lange Historie. Immer wieder wurde auf den Sexismus, den Nationalismus, das Eliten- und Seilschaftsdenken und den autoritären Charakter von Studentenverbindungen eingegangen sowie die Gewalt nach innen und außen problematisiert. Die einzelnen Aspekte sind je nach Art der Verbindung unterschiedlich stark ausgeprägt. Wenn sich Korporierte von zehn verschiedenen Dachverbänden treffen, können sie sich über Verbandsgrenzen hinweg vernetzen, in ihrem Männerbund bestärken und auch informelle Netzwerke knüpfen. Besonders problematisch erscheint, dass die extrem rechte DB auf der Tagung mit drei Referenten aus ihren Reihen stark präsent sein sollte. Die angebliche Gegnerschaft der Korporationslandschaft zum historischen Faschismus wird damit ab absurdum geführt.

Gemeinsam mit der DB – deren zentrale Rolle im Netzwerk der extremen Rechten in zahlreichen Artikeln dieser Zeitung analysiert wurde (siehe unter anderem LOTTA-Sonderdruck #5) – über die Erfahrungen jüdischer Studierender oder das Ende der Weimarer Republik zu diskutieren, normalisiert den nationalistischen Geschichtsrevisionismus und die antidemokratische Politik des Dachverbands. Alte Herren der DB sind im Milieu der Studentenhistoriker keineswegs nur Zaungäste. Sie sind gern gesehene Mitstreiter für die gemeinsame Sache. Und das, obwohl ihre Mitglieder erst vor wenigen Jahren gewaltsam das Haus einer Schwarzburgbund-Verbindung in Marburg gestürmt und verwüstet haben. Der Filz von Konservativen und der extremen Rechten im Verbindungsmilieu funktioniert gut, solange es keinen öffentlichen Druck gibt.

Entlastende Narrative stärken

Die jährlichen Tagungen des AKSt dienen dem Zweck, eigene historische Narrative zu verbreiten, die die Verbindungen im Kern von historischer Schuld im Kontext des NS befreien sollen. Der Großteil der Verbindungen ist in den 1920er und 1930er Jahren im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund aufgegangen. Dies geschah aus Eigenlogik der Bünde trotz inhaltlicher Zustimmung nicht ohne Kontroversen.

Exemplarisch zeigt sich das Verhältnis der Verbindungen zum Nationalsozialismus sowie auch die mangelnde interne Aufarbeitung der eigenen Geschichte am Beispiel des Coburger Convent. Dies hat die Autonome Antifa Freiburg in eigenen Publikationen zur Geschichte der CC-Bünde herausgearbeitet. Während des NS waren in fast allen Häusern der CC-Verbindungen nationalsozialistische Kameradschaften aktiv, wobei das Verbindungsleben recht normal weitergelebt wurde. Aus den Resten dieser NS-geprägten Strukturen wurden die Verbindungen in den frühen Jahren der Bundesrepublik schließlich wieder gegründet.

Ähnliches ließe sich auch zur Geschichte anderer Verbindungen beschreiben, doch eine wirklich (selbst)kritische Auseinandersetzung bleibt aus. Einzelne Fakten zur Zusammenarbeit mit dem NS-Regime werden zwar nicht geleugnet, aber in den Vordergrund wird stets das im Verbindungswesen vorherrschende Narrativ gerückt, dass man seit dem 19. Jahrhundert kontinuierlich für die Demokratie gekämpft habe und dabei sowohl vom NS-Regime als auch in der DDR verfolgt und verboten worden sei. Tatsächlich waren viele Korporierte entschiedene Gegner der Weimarer Republik und aktiv am Aufstieg des NS beteiligt. Der gegen die demokratische Ordnung der Weimarer Republik gerichtete Kapp-Putsch 1920 etwa wurde in Marburg vom Studentenkorps Marburg unter wesentlicher Beteiligung diverser Verbindungen durchgeführt.

Das Vorgehen des AKSt ist kein empirisch-analytisches, sondern es stützt sich in der Regel auf Einzelschicksale und -aspekte. Eine Flut an korporierten Veröffentlichungen mit gegenseitiger Zitation lässt die eigene Erzählung wirkmächtig werden. Die „Historikertagung“ mit Vorträgen, vernetzenden Gesprächen und einem Sammelband im Anschluss ist dabei ein wichtiger Baustein.

Funktion der „Studentenhistoriker“

Die Studentenhistoriker haben für Studentenverbindungen eine zentrale Bedeutung und Funktion. Ihre Rolle besteht darin, innerhalb der Korporation ein eigenes Geschichtsnarrativ zu verbreiten und damit ein gefälliges Bild der Verbindungen zu erzeugen. Da es kaum kritische Auseinandersetzungen mit der Geschichte der einzelnen Verbindungen gibt, sind diese Narrative sehr wirkmächtig. Deutlich wird dies außerhalb des Kosmos der Korporationen etwa bei Wikipedia, wo viele Artikel zu Verbindungen augenscheinlich im Sinne des eigenen Geschichtsbildes verfasst oder geändert werden. Auf diese Quellen greifen dann auch KI-Modelle zu und verbreiten die Narrative weiter.

Die Studentenhistoriker stützen das Opfer- und Unschuldsnarrativ der Verbindungen auch nach innen. Sie schaffen ein korporationsübergreifendes Gemeinschaftsgefühl durch ihren Fokus auf eine geteilte Geschichte, Brauchtümer und gemeinsame Traditionen. Die Geschichtsarbeit ist somit eines der wenigen Felder, in denen die zersplitterte, zerstrittene und unter öffentlichem Druck stehende Korporiertenlandschaft weiterhin zusammenkommt. Die „Historikertagungen“ ermöglichen eine Zusammenarbeit verschiedener Bünde und eine Vernetzung über Verbandsgrenzen hinweg. Ähnliches gilt für die organisatorische Zusammenarbeit beim Studentischen Fechten, das in sogenannten Waffenringen organisiert ist, oder auch für die Zusammenarbeit im Denkmalerhaltungsverein (DEV). Dieser kümmert sich um die Pflege des Burschenschaftsdenkmals in Eisenach und vereint Burschenschaften verschiedener Dachverbände (siehe hierzu LOTTA #95, S. 35 ff).

Deutlich wurde die einende Wirkung von Studentenhistorikern bei der Beerdigung von Harald Lönnecker 2022. Lönnecker war Studentenhistoriker und jahrzehntelang Archivar der extrem rechten DB. Zudem war er unter anderem Alter Herr der Burschenschaft Normannia Leipzig zu Marburg. Er wurde noch 2021 von der TU Chemnitz am Institut für Europäische Studien und Geschichtswissenschaften für eine außerplanmäßige Professur berufen. Zu seiner Beerdigung in Bad Bentheim nahe der holländischen Grenze kamen neben Besuchern der DB auch etliche Gäste anderer Bünde wie der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft (ADB) und der Deutschen Sängerschaft. In einer Rede bei einer Gedenkstunde für ihn wurde sogar explizit die integrierende Wirkung Lönneckers für Studentenverbindungen betont (siehe LOTTA #99, S.17 f).

Streitigkeiten übertünchen

Gerade einmal fünf Jahre ist es her, dass vermummte Mitglieder der Burschenschaft Germania (DB) ihre Nachbarn der Frankonia (SB) an einem Zigarettenautomaten homofeindlich und antisemitisch beleidigten und körperlich attackierten. Danach störten sie den nachbarschaftlichen Frieden zudem durch die Erstürmung des Hauses der Frankonia, das dabei einigen Schaden nahm. Die gerichtliche Auseinandersetzung um diese innerkorporierte Gewalt soll demnächst ihre Fortsetzung vor dem Landgericht Marburg finden (siehe LOTTA #90, S.34 f).

Auch CC und KSCV pflegen in Marburg eine eher von Konflikten geprägte Beziehung: Im August 2025 soll ein illegales Fechtduell zwischen der Landsmannschaft Hasso-Borussia (CC) und dem Corps Hasso-Nassovia (KSCV) in dessen Haus stattgefunden haben. Das Corps wollte offenbar durch einen Kampf mit scharfen Waffen seine „Ehre retten“. Das Konzept von Ehrverletzungen und Ehre, die durch bestimmte Rituale wiedererlangt werden könne, ist im Korporationswesen weit verbreitet. Vorangegangen sein soll ein mit vulgären Beleidigungen gespickter Brief der Landsmannschaft, in dem sie die Hasso-Nassovia zum Fechtduell aufforderte und deren Mitgliedern „vorstadiale Demenz“ diagnostizierte, die diese sich bei „körperlichen Auseinandersetzungen“ in der Nachbarschaft zugezogen hätten. Die Linke im Kreis Marburg-Biedenkopf hat Strafanzeige erstattet, so dass die Staatsanwaltschaft nun prüft, ob es sich um ein illegales „Ehrduell“ und damit um gefährliche Körperverletzung handelt.

Doch verbandsübergreifende Veranstaltungen wie die Jahrestagung des AKSt helfen, solch unwürdig ausgetragene Konflikte zu übertünchen und prägen das Bild von Geschlossenheit. Es kann davon ausgegangen werden, dass der gesamte Kontext der für Marburg geplanten Veranstaltung eher instrumenteller als wissenschaftlicher Natur gewesen wäre.
Anhand der ReferentInnen kann man zudem den Schulterschluss konservativer und extrem rechter Akteure deutlich erkennen. Für den KSCV gelten die propagierten Tugenden „Toleranz und Gleichheit“ demnach auch für extrem Rechte. Es zeigt sich, dass parteipolitische Abgrenzungsbeschlüsse auf den Verbindungshäusern nicht greifen, da es schlicht zu tiefgreifende ideologische Schnittmengen gibt – die nicht zuletzt bei Veranstaltungen wie dem Historikertag weiter gepflegt werden.

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