
„Stop the boats!“
Die extreme Rechte attackiert Flüchtlinge an der Kanalküste
In der Nacht vom 9. auf den 10. September 2025 kam es zu einem Übergriff mehrerer extrem rechter Aktivisten aus Großbritannien auf Geflüchtete im nordfranzösischen Gravelines bei Calais. Bei den Aktivisten handelte es sich um eine Clique um Nick Tenconi, den aktuellen Vorsitzenden der einst erfolgreichen, inzwischen aber zur sektiererischen Splitterpartei geschrumpften United Kingdom Independence Party (UKIP). Tenconi und seine Gang griffen die Geflüchteten körperlich an und raubten ihr Eigentum, darunter Schwimmwesten.
Knapp drei Wochen später, am 30. September, veröffentlichte Tenconi auf der Plattform X ein Video, das den Übergriff zeigt. Er bezeichnete sich und seine etwa 15 Kumpane dabei als „Stop the boats“-Team und behauptete, sie hätten „illegale Migranten“ daran gehindert, von Nordfrankreich aus nach Großbritannien zu gelangen. Zudem startete er eine Spendenkampagne für weitere Aktionen gegen Geflüchtete in der Gegend um Calais.
Es war nicht Tenconis erste Aktion nahe der Küste des Ärmelkanals. Bereits im Juni hatte er in Calais an einer Verteilungsstelle für Nahrung und Hilfsgüter Helfer*innen provoziert und Geflüchtete bedroht und gefilmt, bis er von zwei couragierten älteren Damen resolut des Platzes verwiesen wurde.
Befestigte Zone am Kanal
Informelle Bootspassagen, mit denen Geflüchtete über den Ärmelkanal zu gelangen suchen, gibt es schon seit Jahrzehnten. Seit je werden sie von einer kontinuierlichen Verschärfung der Grenzsicherung, des Migrationsregimes sowie der Kontrolle und der Repression begleitet. In Großbritannien treiben all dies sowohl konservative als auch Labour-Regierungen voran – und dies in einem sich stetig ausweitenden Grenzraum. Die britisch-französischen Vereinbarungen dazu – angefangen bei der Einführung vorgezogener Grenzkontrollen durch das „Sangatte-Protokoll“ (1991) über das „Le Touquet-Abkommen“ (2003) bis zum „Sandhurst-Abkommen“ (2018) – haben entlang des Ärmelkanals eine massiv befestigte Zone geschaffen. Im nordfranzösischen Teil dieser Zone wird Menschen mit Migrationsziel Großbritannien jegliche Grundversorgung verweigert, und sie sind harter Repression ausgesetzt. Dies führte und führt dort zur Entstehung von informellen, äußerst prekären Lebensorten wie dem 2016 international bekannt gewordenen „Dschungel von Calais“.
Die Anzahl der Bootspassagen über den Ärmelkanal stand zunächst in direktem Zusammenhang mit der Lage in den Herkunftsländern der Geflüchteten und mit den vorgelagerten Migrationsrouten. Tendenziell stieg sie immer weiter an. Eine grundlegende Veränderung trat mit dem Brexit ein. Dieser verschaffte dem Vereinigten Königreich aber in Bezug auf die informelle Migration keineswegs die von rechten Brexiteers propagierte Kontrolle über die Grenze. Großbritannien schied mit dem Brexit aus dem Dublin-Rechtsrahmen aus, während sich das Migrationsregime in der EU zur gleichen Zeit deutlich verschärfte. Dadurch entstand für Menschen, die mit dem Versuch gescheitert waren, einen Aufenthaltsstatus in der EU zu erlangen, ein starker Anreiz, den Kanal auf informellem Weg zu überqueren, um in Großbritannien Zuflucht zu suchen. Das führte zu einem weiteren Anstieg der Bootspassagen.
In Reaktion darauf bewegte sich die britische Migrationspolitik unter den konservativen Regierungen zunächst von Theresa May, dann von Boris Johnson, Liz Truss und Rishi Sunak stets weiter nach rechts. Was in anderen Teilen Europas Gegenstand von Forderungen aus der extremen Rechten war, wurde im Vereinigten Königreich umgesetzt: vom Einsatz des Militärs – hier: der Royal Navy – zur Abwehr von Geflüchteten im Ärmelkanal („Operation Isotrope“, Januar 2022 bis Januar 2023) über die Schaffung „feindlicher Umgebungen“ durch kasernierte Unterbringung bei „Wasser, Brot und Seife“ bis hin zur Androhung der Abschiebung ankommender Migrant*innen jedweder Herkunft nach Ruanda. Obwohl bereits diese Maßnahmen inhuman und rechtlich hochproblematisch waren – viele scheiterten schließlich vor britischen Gerichten oder dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) –, galten für sie zwei Rahmenbedingungen: Zumindest der Anschein rechtsstaatlichen Handelns sollte gewahrt bleiben; zugleich kam es weniger auf eine – tatsächlich kaum durchsetzbare – Anwendung in voller Breite an als vielmehr auf einen Abschreckungseffekt.
Aus Dover nach Calais
Die drakonischen Maßnahmen haben immer wieder Aktivisten der extremen Rechten aus Großbritannien animiert, sich an die Spitze der Geflüchtetenabwehr zu setzen und die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen. Tenconi und seine Clique waren beileibe nicht die ersten. Demonstrationen der extremen Rechten in Dover, wo die Fähren aus Calais und Dunkerque ankommen, gab es auch schon vor dem Brexit-Referendum. Bereits im August 2020 heizte der damalige Vorsitzende der extrem rechten Brexit Party – heute: Reform UK –, Nigel Farage, die Stimmung an, indem er sich an den Hängen von Dover, auf den Ärmelkanal blickend, fotografieren ließ und ein Video von Geflüchteten, die an der südenglischen Küste ankamen, online stellte. Davon befeuert, blockierten rund 400 extrem rechte Aktivist*innen Anfang September 2020 den Hafen von Dover. Mit dabei: Nigel Marcham, ein damaliger Drahtzieher extrem rechter Aktionen gegen Migrant*innen in Großbritannien, und ein gewisser Alan Leggett.
Leggett, der nach 2020 vor allem Geflüchtete in ihren Unterkünften belästigte und Videos davon online stellte, wurde Ende Juli 2024 wieder an der Kanalküste aktiv – diesmal aber auf der anderen, der französischen Seite. Dort trieb er sich mit zwei weiteren Rechten einige Tage herum, kundschaftete die Gegend aus, belästigte Geflüchtete und eine Unterstützer*innengruppe und rief am 1. August seine britische Anhänger*innenschaft auf X dazu auf, mit ihm nach Nordfrankreich zu ziehen, um dort „die Boote zu stoppen“. Sein Vorstoß fiel in die Zeit, als in ganz Großbritannien pogromartige Angriffe auf Unterkünfte von Geflüchteten und auf Moscheen tobten (vgl. LOTTA #96), was Leggett unerwartet in Großbritannien hielt; seine Aktivitäten im Rahmen der brutalen Riots brachten ihm einen Besuch der Staatsmacht und ein Gerichtsverfahren ein, was seine Pläne für Nordfrankreich zumindest vorläufig bremste.
Die französische Kanalküste blieb allerdings im Visier der britischen Rechten. Am 17. August 2024 berichtete der britische Fox News-Verschnitt GB News, der britische Marineinfanterist a. D. Lee West habe undercover ein Flüchtlingscamp nahe Calais ausgekundschaftet und sei danach aus Nordfrankreich mit dem Boot zurück nach Großbritannien gefahren; damit habe er nachgewiesen, wie untätig auf beiden Seiten der Küste die Polizei sei.
Im Juni 2025 machte sich dann Tenconi nach Nordfrankreich auf – und dabei blieb es nicht. Wenig später, im August, begaben sich Robert Jenrick und Chris Philp an die Kanalküste nahe Calais. Jenrick und Philp waren allerdings keine Aktivisten der extremen britischen Rechten, sondern Parlamentsabgeordnete der Conservative Party; beide hatten unter Premierminister Sunak führende Posten in Ministerien innegehabt: Jenrick war für die Einwanderung, Philp für die Polizei zuständig gewesen. Jenrick war Ende 2024 zum Schattenjustiz-, Philp zum Schatteninnenminister unter Parteichefin Kemi Badenoch aufgestiegen. Über seine Begegnung mit Geflüchteten während seines Trips an die französische Küste äußerte Jenrick bei GB News, es sei „widerlich“, geradezu „eine Schande“ gewesen: Frankreich „unterstütze“ die Geflüchteten bei ihrem Aufbruch nach Großbritannien. Philp erzählte empört, er sei, nachdem er einige Geflüchtete belehrt habe, die Bootspassage über den Kanal sei illegal, doch glatt mit Flaschen beworfen worden. Befeuert hat der Ausflug des Schattenministerduos die extreme Rechte allemal. Ob er auch Tenconi und seine Clique konkret zu ihrem Trip angespornt hat, bleibt freilich Spekulation.
„Island of strangers”
Im Sommer 2025, als Jenrick, Philp und Tenconi sich an der französischen Kanalküste herumtrieben, war in London seit gut einem Jahr Labour an der Regierung. Als nicht mal einen Monat nach seinem Amtsantritt, Ende Juli und Anfang August 2024, die erwähnte Welle pogromartiger Angriffe auf Heime von Geflüchteten und auf Moscheen tobte, hatte Premierminister Keir Starmer noch hart und entschlossen reagiert; viele extrem rechte Gewalttäter wurden festgenommen und in schnell anberaumten Verfahren noch schneller verurteilt, was neben breitem zivilen Widerstand die rechte Gewalt zu stoppen half.
Danach leitete Labour allerdings keinen migrationspolitischen Kurswechsel weg vom rassistischen Tory-Hardlinertum ein. Im Gegenteil. Zwar stoppte die Labour-Regierung den bereits faktisch gescheiterten Ruanda-Plan; doch schloss sie sich bald der Stimmungsmache gegen Geflüchtete an. Den Tiefpunkt bildete Starmers Äußerung vom 12. Mai 2025, Großbritannien drohe sich zu einer „Insel voller Fremder“ („island of strangers“) zu entwickeln. Dies wurde weithin als Anspielung auf eine berüchtigte Rede des damaligen konservativen Schattenverteidigungsministers Enoch Powell vom 20. April 1968 verstanden, in der dieser gegen Immigration gewettert, „Flüsse aus Blut“ vorausgesagt und beklagt hatte, Briten drohten „Fremde in ihrem eigenen Land“ zu werden. Powells Rede gilt in Großbritannien heute weithin als Paradebeispiel für die Form von rassistischer Phrasendrescherei, der man sich aus Gründen des politischen Anstands doch besser enthält. Nach breiten Protesten sah sich Starmer schließlich genötigt, den allzu sehr an Powell erinnernden Ausdruck „island of strangers“ zu „bedauern“.
Der Versuch der Labour-Regierung, mit rassistischen Ausfällen oder mit neuen Vorschlägen zur weiteren Verschärfung der Geflüchtetenabwehr die extreme Rechte zurückzudrängen, schlug vollständig fehl. Ganz im Gegenteil – nach sporadischen rassistischen Demonstrationen kam es im Juli 2025 in Epping, einem nordöstlichen Vorort von London, zu Protesten vor einem als Geflüchtetenunterkunft genutzten Hotel, nachdem ein Bewohner wegen mehrerer sexualisierter Übergriffe festgenommen worden war. Die rassistischen Proteste, bei denen schon bald auch Tenconi als Redner auftrat und die sich zum zentralen Agitationsfeld der extremen Rechten entwickelten, schwollen rasch an und weiteten sich landesweit aus. Ihren Gipfel fanden sie schließlich am 13. September in der mit rund 150.000 Teilnehmer*innen größten extrem rechten Demonstration der britischen Geschichte, zu der der zur Zeit wohl einflussreichste britische Straßenfaschist, Stephen Yaxley-Lennon – bekannt unter seinem Alias Tommy Robinson – unter dem Motto „Unite the Kingdom” aufgerufen hatte. Mit dabei: Tenconi, aber auch allerlei extrem rechte Aktivist*innen aus dem Ausland. Redebeiträge gab es etwa von Éric Zemmour (Reconquête), Petr Bystron (AfD) und Elon Musk.
Vorbild ICE
Und die Reaktion des politischen Establishments? Labour-Innenministerin Shabana Mahmood kündigte im November eine weitere Verschärfung der Gesetze gegen Geflüchtete an, die sich an den beinharten Maßnahmen Dänemarks orientieren sollten. Die Konservativen wiederum hatten sich schon Anfang Oktober für eine grundsätzlich neue Qualität entschieden und einen migrationspolitischen „border plan“ („Grenzplan“) vorgestellt, der sich wie eine Blaupause für massenhafte Menschenrechtsverletzungen liest. Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus sollen weitgehend entrechtet werden. Um dies zu ermöglichen, soll Großbritannien den Austritt aus der Europäischen Menschenrechtskonvention von 1951 sowie die Aufhebung des Human Rights Act von 1998 anstreben. Gleichzeitig soll der Rechtsweg für Entscheidungen in Asylangelegenheiten abgeschafft werden.
Zusätzlich ist die Gründung einer Abschiebebehörde – vergleichbar mit dem unter US-Präsident Donald Trump entfesselten ICE – geplant, deren Ziel es laut Aussage der Tory-Vorsitzenden Badenoch sein soll, in einem Zeitraum von fünf Jahren rund 750.000 Menschen ohne Aufenthaltsstatus aus Großbritannien zu deportieren. In Strategiepapieren rechter Thinktanks, die dem Plan zugrunde liegen, wird das rechtsstaatlich begründete Asylsystem als „kaputt“ („broken“) bezeichnet; in Verbindung damit wird, ganz im MAGA-Stil, das Narrativ vom „tiefen Staat“ bemüht, wonach Gerichte und Verwaltung – entgegen der vermeintlichen Mehrheit der Bevölkerung – migrationsfreundlich agierten. Dies wird als eine der Ursachen dargestellt, weshalb Migration nicht gestoppt werden könne.
Ein britisches ICE-Pendant, das sich an einer politisch vorgegebenen Zahl an Abschiebungen abarbeitet und dabei jeder gerichtlichen Kontrolle entzogen ist, würde – ganz wie das US-Vorbild – zu einem Mittel willkürlicher Machtausübung und zu einem Instrument der Einschüchterung werden. Die von den Konservativen angeprangerte hohe Zahl erfolgreicher Klagen gegen Abschiebungen ist kaum auf eine migrationsfreundliche Justiz zurückzuführen, sondern vielmehr auf gravierende Verstöße der Behörden gegen grundlegende Standards. So konnte der britische High Court einen politisch höchst priorisierten Abschiebeflug nach Ruanda untersagen, ohne die vorgebrachten prinzipiellen menschenrechtlichen Bedenken zu klären: Aus bloßer Nachlässigkeit hatten die Behörden in ihrem Abschiebebescheid Aussagen zitiert, die nicht der Betroffene, sondern eine andere Person gemacht hatte.
Stärkste Partei
Die Folgen eines von Trumps MAGA-Bewegung inspirierten Ausnahmezustands im Migrationsregime wären verheerend – nicht nur in humanitärer Hinsicht, sondern auch wegen der Schäden für den Rechtsstaat. Das angeblich damit verfolgte Ziel – nämlich der extremen Rechten das Wasser abzugraben – wird damit freilich nicht erreicht werden. Denn wenn Parteien der sogenannten Mitte Positionen der extremen Rechten übernehmen, wählen viele Wähler*innen, wie die Erfahrung zeigt, letztlich doch lieber das Original. Das bestätigen schon jetzt die Umfragen. Seit Mai pendelt die extrem rechte Partei Reform UK von Nigel Farage um die 30 Prozent und liegt mit deutlichem Abstand auf dem ersten Platz. Labour lag Anfang November nur noch bei 18, die Tories bei 17 Prozent. Zugewinne konnten neben der extrem rechten Reform UK nur die Grünen erzielen, die seit Anfang September, als ihr neuer, demonstrativ links blinkender Vorsitzender Zack Polanski sein Amt antrat, von zehn auf 15 Prozent in die Höhe schnellten. Sollte sie sich nicht schon kurz nach ihrer Gründung zerlegen, hätte wohl auch die neue, bei Redaktionsschluss noch namenlose linke Partei von Jeremy Corbyn und Zarah Sultana einiges Potenzial.
Für extrem rechte Aktivisten wie Tenconi sind die Überfahrten über den Ärmelkanal dabei längst mehr als ein Thema der Geflüchtetenabwehr: Sie dienen als Symbol für einen endzeitlichen Kampf weißer, christlicher Männer. In einer am 15. Juli veröffentlichten Videoansprache erklärte Tenconi: „Leider gibt es, bis wir an der Macht sind und die Gesetze ändern, nichts, was wir gegen die legale Einwanderung tun können. Aber wir können die illegale Einwanderung stoppen. Wir können Teams von Männern nach Frankreich schicken, um die Boote abzufangen und zu zerstören.“ Feinde seien dabei nicht nur die Geflüchteten – „Soldaten des Islam“ –, sondern auch deren Unterstützer*innen: „Ratet mal, wer die Illegalen beschützt, wer sie versorgt und wer mit den Schleppern zusammenarbeitet, um ihre Überfahrt nach Großbritannien zu ermöglichen.“ Tenconi verriet die Lösung selbst: „Kommunisten, Linksextremisten, Antifa, Sozialisten, Marxisten.“