Tolkien von rechts gelesen
Von ideologischer Übereinstimmung und strategischer Aneignung
„Tolkien lesen und verstehen. Eine kleine Anleitung aus konservativer Sicht“ – so lautete eine Artikelüberschrift von Heiko Hofmann im rechts-intellektuellen Magazin Abendland aus Österreich aus dem Frühjahr 2023. Diese „Anleitung“ ist ein Beleg dafür, dass eine solche scheinbar notwendig ist, um Tolkien von rechts zu lesen, die Botschaften dessen Werks also nicht automatisch nach rechts weisen. Sie ist aber auch Beleg für den verstärkten Bezug der extremen Rechten auf die Bücher und Welten des Autoren.
Ganz neu?
In einem Vortrag bei der neonazistischen Kleinstpartei Der III. Weg am 7. Januar 2023 zum Thema „Tolkien – Sein Leben und Werk“, behauptete der Referent, dass Tolkien „im nationalistischen Spektrum sicher bislang kaum beleuchtet wurde“. Damit irrt er einerseits, denn es gibt schon lange einen Bezug der extremen Rechten auf Tolkien. Seit den 1970er Jahren wird dieser umfänglich von der neofaschistischen Szene Italiens rezipiert. Erstmals 1977 wurde das „Campo Hobbit“, ein Festival mit Musik und Vorträgen, durchgeführt. 1994 wurde die bis heute aktive Band Hobbit gegründet und regelmäßig finden in Italien Konferenzen und Tagungen extrem rechter Organisationen zu Tolkiens Werken statt.
Die extreme Rechte in Deutschland hingegen hat Tolkien bisher kaum rezipiert. Erst in den letzten Jahren hat diese ihn entdeckt, was sicherlich auch an der medialen Präsenz und den Erfolgen der „Herr der Ringe“-Verfilmung durch Peter Jackson und der aktuellen Amazon-Prime-Serie „Ringe der Macht“ liegt.
Frühe Bezüge in Deutschland
Schon im Herbst 1978 erschien allerdings in dem rechtskonservativ-rechtsintellektuellen Magazin Criticón angesichts der bevorstehenden Frankfurter Buchmesse der Artikel „J. R. R. Tolkien“ von Michel Marmin, einem Aktivisten der französischen „Neuen Rechten“, der unter dem Pseudonym Lucien Chanteloup schrieb. Dieser analysierte damals, Tolkiens Werk „vermag doch unter ideologische Vorzeichen gestellt (zu) werden, wenn man auf die zentrale Stellung blickt, die Tolkien diesem kleinen und sympathischen Volk zuweist, das ländlich und friedvoll, dem guten Leben zugewandt, ein Feind der Bewegung, des Wechsels und Fortschritts ist, jedoch auch heftiger Reaktionen fähig, ein Volk mit dem sich Tolkien offen identifiziert und das, was Tolkien nie verheimlicht hat, das alte und fröhliche, das ländliche, feudale und ideale England verkörpern soll.“ Es ist die Rückwärtsgewandheit, die Tradition, das Mystische, das Organische und das Bild der Natur, welche Marmin als wichtige ideologische Bezugspunkte bei Tolkien benennt.
Die völkische Jugendorganisation Der Freibund widmete Tolkien anlässlich dessen 100. Geburtstags 1992 in ihrem Verbandsorgan „Na klar!“ einen mehrseitigen Artikel. In diesem findet sich folgender Satz Tolkiens: „Ich hege in diesem Krieg einen heißen persönlichen Groll gegen Adolf Hitler, diesen frechen kleinen Ignoranten, der jenen edlen nordischen Geist, jenen vortrefflichen Beitrag zu Europa, den ich immer geliebt und in seinem wahren Licht zu zeigen versucht habe, ruiniert, verdorben und mißbraucht hat, so daß er nun für immer verflucht ist.“ Dies erklärt den Zugriff jener Teile der extremen Rechten, die sich selbst als „Neue Rechte“ bezeichnen und sich vom Nationalsozialismus distanzieren und die eben nicht der klassischen extremen Rechten zuzurechnen sind, auf Tolkien.
Aktuelle Rezeption
Die Bezüge auf Tolkien in der extremen Rechten Deutschlands bleiben von den 1970er bis in die 2010er Jahre gering. Die verstärkte Rezeption ab Ende der 2010er Jahre geht einher mit der Etablierung einer Strömung der extremen Rechten, die sich zumindest oberflächlich vom Nationalsozialismus distanziert und in verstärktem Maße auch popkulturelle Elemente aufnimmt. Es sind Magazine wie Die Kehre, Freilich, Compact, Abendland oder Krautzone, in denen Artikel mit Bezug auf Tolkien oder dessen Werk „Der Herr der Ringe“ erschienen. Im Jungeuropa Verlag erschien 2022 das Buch „Tolkien, Europa und die Tradition“ in der Reihe „Fundamente“. Von dieser Reihe behauptet der Verlag, es gehe darum, „Orientierungen zu bieten […], Halteseile für das politische Ringen auszuwerfen und Ansatzpunkte für eine erneuerte Weltanschauung zu liefern […].“
Tolkien wird also eine hohe Bedeutung zugemessen. Autor des Buches ist der Franzose Armand Berger, vermutlich ein Pseudonym, der zentrale Punkte benennt, um Tolkien von rechts zu lesen. Das sind seines Erachtens nach die Mythologie, die Tradition, das Heldentum, die Ökologie des Imaginären und Europa. Diese Punkte sind es auch, die in unterschiedlichen Variationen die Tolkien-Rezeption der extremen Rechten prägen.
Der Mythos
Der Logos, also Rationalität, Aufklärung und Wissenschaft, stellen das Gegenteil des von der extremen Rechte propagierten Mythos dar. Die göttliche Ordnung ist es, welche die extreme Rechte propagiert und welche im Gegensatz zur Emanzipation des Individuums steht. Die von Tolkien entworfenen Welten gründen sich auf Mythen und sind von daher höchst interessant für die extreme Rechte. Dabei hat Tolkien einen echten Vorteil für diese. Beispielsweise heißt es in dem Artikel „Tolkien lesen und verstehen“ von Heiko Hofmann in Abendland: „Sein Werk ist voller Motive und Parallelen zur germanisch-nordischen, griechisch-römischen und keltischen Mythologie. Für Parallelen zum Neuen Testament muß man schon sehr genau hinschauen.“
Tolkiens Werk ist eine Manifestation des Mythos, bezieht aber sowohl den nordischen Mythos ein als auch das Christentum. Das bietet breite Zugriffsmöglichkeiten für die extreme Rechte, die früher eher am Neuheidentum orientiert war, inzwischen jedoch vermehrt dem Christentum zugewandt ist.
Tradition & Gemeinschaft
„Sei treu – deinen Freunden, deinem König, deinem Land“, ist eine Essenz, die Hofmann aus dem Werk Tolkiens zieht. Es ist die Orientierung an und die Verpflichtung durch Tradition und Ahnen, aber auch an vordemokratischen Staatsformen, was die extreme Rechte anzieht. „Eine explizite Verteidigung des monarchistischen Prinzips sucht man in den Briefen vergebens, es war für ihn einfach selbstverständlich. Der ‚Herr der Ringe’ gipfelt natürlich in der Rückkehr des Königs“, heißt es dort weiter.
„Der Zauberer und die Schlange haben das vormoderne Idyll in ein industrielles Arbeitslager verwandelt und die Hobbits, die das Böse nicht kannten, versklavt“, deutet zudem Utz Anhalt im Compact-Magazin das Ende des dritten Buches von Tolkiens bekanntestem Werk. Damit presst der Autor die Bilder in das ideologische Raster der extremen Rechten: Tradition ist gut, die Moderne ist Versklavung. Um für die extreme Rechte nutzbar gemacht zu werden, wird diese Tradition verortet: „Mit Mittelerde schuf Tolkien eine Welt, die tief im europäischen Geist und der europäischen Tradition verwurzelt ist“, heißt es im Web-Blog Thymos-Magazin. Es ist das identitäre Bild eines Europas, welches die extreme Rechte bei Tolkien sieht und welches sie anzieht und propagiert.
Ökologie
„Tolkien hegte eine große Liebe zu gewachsenen Dingen“, sagt der Professor und Althistoriker David Engels aus Brüssel, einer der wichtigsten Ideologen der intellektuellen Demontage der Demokratie, im Interview mit dem Magazin Die Kehre. Engels gilt in der extremen Rechten als Tolkien-Kenner und hat 2023 das Buch „Aurë entuluva! – J.R.R. Tolkien zum 50. Todestag“ veröffentlicht. Das Interview führte Volker Zierke, ehemals Aktivist der Identitären Bewegung. „Bei Tolkien kommt der Natur eine wichtige Rolle zu. Elben leben im Einklang mit ihr, die Hobbits lieben alle Dinge, ‚die wachsen‘, die Ents als Baumhirten sind wie kein zweites Volk verbunden mit den Wäldern – die Gegenseite, das Böse, zerstört diese Wälder aber, setzt auf Maschinenkraft und Feuer“, stellt Zierke fest.
Die extreme Rechte liest aus Tolkiens Werk eine Lobpreisung der natürlichen und hierarchischen Ordnung, die Ablehnung der Technik und der Zivilisation. Sie träumt von einer Wiederverzauberung der Welt hin zu einer göttlichen Schöpfung auf religiöser spiritueller Grundlage.
Kampf
In einem Text für das Magazin Krautzone schreibt die Autorin Melanie Scheffler: „Die Trilogie lässt sich zudem als Rechtfertigung des Krieges deuten, denn Tolkien (oder Frodo) braucht diese Erfahrung, um zu erkennen, dass sich das Böse nicht einfach abschütteln lässt. Es steckt in uns allen, es umgibt uns, und wir leben in einer Blase, die uns manchmal ‚betriebsblind’ macht.“ Und sie führt aus: „Das Böse, sei es auch abstrakt wie in ‚Der Herr der Ringe‘, stellt eine unablässige Bedrohung dar, denn es ist in uns […] und wird von außen an uns herangetragen (etwa wenn ein Land die Freiheit eines anderen Landes in Frage stellt – wobei, das sei hier angemerkt, Tolkien in seinem Werk mit den Bösen explizit nicht die Deutschen meint!)“.
Auch wenn die Hobbits sicherlich keine typischen Kämpferfiguren der extremen Rechten sind, so ist es doch das Motiv des bequemen Bürgers, der aufwacht und für sein Land in die Welt und in den Kampf zieht, das Teile der extremen Rechten bei Tolkien finden. Gerade die Schlachten der „Herr der Ringe“-Filme dürften hier für Begeisterung sorgen.
Aneignung
Tolkiens Werk enthält einiges, was für die extreme Rechte anschlussfähig ist. Angesichts dessen ist es eher verwunderlich, dass die extreme Rechte in Deutschland ihn bis vor kurzem so wenig rezipierte. Insbesondere, da der Weltbestseller in den letzten 20 Jahren durch die Verfilmungen des „Herrn der Ringe“ und aktuell durch die genannte Serie weiter popularisiert wurde. Allerdings war die extreme Rechte in Deutschland auch über Jahrzehnte durch den Neonazismus geprägt, und Hakenkreuze sucht man bei Tolkien vergebens. Es sind eher die leisen Töne des ideologischen Hintergrundes, welche aufgeladen und mobilisiert werden müssen.
Erst in den letzten zirka 20 Jahren hat sich eine rechtsintellektuelle Szene entwickelt, die mit Popkultur, bunten Bildern und eben diesen leisen Tönen der Ideologie arbeitet. Angesichts der fortwährenden medialen Präsenz Tolkiens und der ideologischen Offenheit verwundert es nicht, dass Joachim Paul, AfD-Landtagsmitglied in Rheinland-Pfalz, die Amazon-Verfilmung als „ohne Patzer“ lobt und das Thymos-Magazin findet, „wenige Filme sind so offensichtlich rechts wie die Herr-der-Ringe-Trilogie.“
Für die extreme Rechte ist es verlockend, mit ihren Deutungen Tolkiens an den Mainstream anzudocken, mittels diesem in den Diskurs zu kommen und Reichweite zu gewinnen. „Überzeugte Leute muss man nicht mehr überzeugen, wichtig ist es, unsere Gedanken außerhalb unserer Kreise zu transportieren, dafür ist Tolkien ein guter Einstieg“, schreibt Der III. Weg zum Vortrag über Tolkien. Dabei ist es der extremen Rechten egal, ob Tolkien bei der Darstellung der Orks auf die Schrecken des Zweiten Weltkrieges anspielte und diese nicht den Kampf der Tradition gegen die Moderne verkörperten. Denn hier geht es eben nicht um Genauigkeit, sondern um politische Propaganda.