Antifeminismus und toxische Männlichkeit(en)
Die Online-Kulturen der „Manosphere“
Männlichkeit liegt im Trend – Social Media ist voll von selbsternannten „Alpha“- und „Sigma“-Männern. Ursprünglich aus der Biologie stammend, wird das Rangordnungskonzept, das mit dem griechischen Alphabet eine quasi-natürliche soziale Hierarchie in animalischen Gemeinschaften beschreibt, auf den Menschen übertragen. Als erstrebenswert gelten hierbei Männlichkeitsentwürfe, die Selbstbewusstsein, Stärke, Dominanz und Disziplin, aber auch beruflichen, finanziellen und sexuellen Erfolg in den Vordergrund rücken. Wer all dies für sich beanspruchen kann, gilt als „Alpha“ und damit als Teil einer exklusiven, von Frauen begehrten und von anderen Männern beneideten Gruppe. Dagegen gelten sogenannte „Betas“ als schwach, nicht durchsetzungsfähig und unattraktiv. Mit der Soziologin Raewyn Connell gesprochen, handelt es sich hier um ein Ringen um hegemoniale Männlichkeit, bei dem Männer sich sowohl untereinander als auch von allem vermeintlich Nichtmännlichen abgrenzen und eine eigene Hierarchie errichten.
Online-Gemeinschaften
In der sogenannten Manosphere – einer Ansammlung meist antifeministischer Internetprojekte, die sich explizit an Männer richten – werden diese Männlichkeitsbilder kultiviert und weiter ausdifferenziert. Das Angebot reicht von eigenen Foren und einer eingeschworenen Gemeinschaft von Bloggern über verschiedene Formate auf Instagram, TikTok, YouTube und anderen Streamingdiensten, von Live-Fragerunden bis Podcasts, in denen Männer allein oder gemeinsam über Männlichkeit, das Geschlechterverhältnis und die vermeintlichen Abgründe des modernen Feminismus sinnieren. Eines der tragenden Narrative der Manosphere ist die Erzählung der „Red Pill“. Angelehnt an den Film „The Matrix“ (1999) wird behauptet, Männer stünden heute vor der Wahl, die „blaue Pille“ zu schlucken und weiter zu leben wie bisher – oder aber die „rote Pille“ zu schlucken. In letzterem Falle würden sie erkennen, dass sie in einer vom kulturmarxistischen Feminismus regierten Welt lebten. Damit würden sie Teil einer Bewegung jener, die die Wahrheit erkannt haben. Diese lautet, dass das Patriarchat bloß eine Erfindung sei, um Männer klein zu halten. Und dass es eigentlich Männer seien, die von Frauen unterdrückt würden.
Innerhalb der Manosphere sind verschiedene Gruppierungen zu unterscheiden. Sie eint der angenommene männliche Opferstatus und der Wunsch nach einer männlichen Resouveränisierung. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es eine Reihe an Ansätzen. So sehen beispielsweise sogenannte MGTOWs (kurz für „Men Going Their Own Way“) die Lösung in einem Leben ohne Frauen. Bewunderung erfahren in der Szene jene, die es geschafft haben, zum „ghost“ zu werden – also jegliche, auch berufliche und familiäre, Brücken hinter sich abzureißen und sich somit der vermeintlichen weiblichen Kontrolle zu entziehen. Hieran knüpft das Bild des „Sigma Male“ an: Ähnlich zum „Alpha“ werden auch hier Dominanz, Kontrolle und harte Arbeit an sich selbst als Teil des angestrebten Männlichkeitsbildes angesehen. Jedoch arbeitet der „Sigma“ vermeintlich um seiner selbst willen daran, diesem Ideal zu entsprechen.
„Pick-Up-Artists“ und „Incel“-Phänomen
In ein anderes Extrem schlagen die sogenannten „Pick-Up-Artists“ (siehe Beitrag auf Seite 22). Auch bei dieser Gruppierung stehen Selbstoptimierung und die Veränderung der eigenen Persönlichkeit im Vordergrund. Das Ziel besteht im Erlernen manipulativer Techniken im Umgang mit Frauen. Hierbei helfen selbsternannte „Pick-Up-Gurus“ und Männlichkeits-Coaches, die Dating-Beratung und Männlichkeits-Seminare zu einem lukrativen Geschäftsmodell gemacht haben. Die Palette reicht dabei von klassischen Beratungssettings bis hin zu Einzel- und Gruppencoachings. Aber auch ohne Geld ausgeben zu müssen, finden sich entsprechende Ratschläge schnell online. Auf Instagram und TikTok geben Dating-Coaches Einblicke in ihre Arbeit und teilen „Best-Practice“-Beispiele. Während einige dieser Videos Anschluss an reale Unsicherheiten im zwischenmenschlichen Miteinander bieten, werden sexistische, oft frauenfeindliche und ebenso für Männer schädliche Stereotype verbreitet. In der Pick-Up-Szene wird die Überzeugung vertreten, Feminismus sei eine männerhassende und faschistische Ideologie.
Dies teilen sie mit einer weiteren Gruppierung, die insbesondere durch Gewaltverherrlichung und terroristische Attentate bekannt geworden ist: „Incels“ (kurz für „involuntarily celibate“). „Incels“ gehen von einer menschlichen Attraktivitätsskala aus, verorten sich selbst jedoch in deren unterem Drittel. Sie sehen sich als unattraktive und daher ungeliebte „Betas“. Der Status des „Alpha“ – und damit eine sexuelle oder romantische Beziehung – ist für sie ihrem Selbstbild nach nicht erreichbar. In der Szene wird davon ausgegangen, dass sowohl „Alpha“-Männer (im Szene-Jargon „Chads“) als auch Frauen jederzeit Sex haben könnten, während „Betas“ leer ausgingen. „Incels“ rationalisieren dies mit der so bezeichneten 80/20-Regel: 80 Prozent der Frauen schliefen mit nur 20 Prozent der („Alpha-“) Männer, denn Frauen seien oberflächlich, gierig und verlogen. Schuld daran sei insbesondere der moderne Feminismus, der Frauen erst dazu ermächtigt habe, eine eigene Wahl zu treffen.
Das Narrativ der „Red Pill“ wird bei „Incels“ nihilistisch zur „Black Pill“ gewendet: Zwar glauben „Incels“, Männer hätten ein naturgegebenes Recht auf Sex mit Frauen, sie selbst seien aber zu unattraktiv, als dass sich Frauen auf sie einließen. Gewalt gegen Frauen – und auch gegen beneidete „Alpha“-Männer – ist damit einerseits ein Racheakt gegen jene, die „Incels“ vermeintlich Liebe, Fürsorge und Sex verwehren, aber auch ein Akt der Resouveränisierung und Mannwerdung – eine Ersatzhandlung für das, was ihnen fehlt, um zum „Alpha“ aufzusteigen. Frauen werden nicht nur sexualisiert, sondern mit dem Begriff „Foid“ („female humanoid“) entmenschlicht. Dies erleichtert es auch, Gewaltfantasien gegen sie zu hegen und diese in die Tat umzusetzen.
Ausblick
Obwohl insbesondere sich selbst als liberal bezeichnende Männerrechtler die Verbindungen zwischen Phänomenen wie „Pick-Up“, MGTOW und „Incels“ leugnen, sind die Übergänge von einer Gruppierung zur nächsten fließend. Weiterhin sind Radikalisierung und Abwanderung hin zu geschlossenen, häufig auch gewaltverherrlichenden Plattformen und Gruppen zu beobachten.
Die Manosphere ist geprägt von Misogynie, Queerfeindlichkeit und Antifeminismus. Aber auch rassistische, antisemitische und verschwörungsideologische Einstellungen und Aussagen werden geteilt. Die Vorstellung einer vermeintlich natürlichen Geschlechterordnung, in der Männer als hierarchisch überlegen gelten, findet in der Manosphere einen optimalen Nährboden.