Tradwives
Antifeministische Lifestylebilder?
Tradwives gelten als Symbol für Rückschrittlichkeit in einer angeblich profeministischen Gesellschaft: Frauen, die in ihren Accounts mit Kochvideos und Blumenkränzen im Haar als perfide Verbreiterinnen antifeministischer Ideologie gesehen werden. Während progressive und bürgerliche Milieus Kritik üben, greifen rechte Kreise das Phänomen ironisch oder affirmativ auf. Rechte Frauengruppen wie Lukreta kokettieren gezielt mit dem Bild der Tradwife. In ihren Postings machen sie sich lustig über die vermeintliche Bedrohlichkeit von Flechtfrisuren. Doch einige der reichweitenstärksten Tradwife-Accounts vertreten auch offen rechte Positionen. So unterstützt etwa die TikTokerin Estee Williams den US-Präsidenten Donald Trump. Der deutschsprachige Account „tradwifefactory“ spricht sich klar gegen Abtreibungen aus und setzt Gender Studies mit rassistischer „Schädelkunde“ gleich.
Was sind Tradwives?
Der Begriff „Tradwife“ setzt sich aus „Traditional“ und „Housewife“ zusammen. Gemeint sind in der Regel Accounts, in denen junge Frauen in sozialen Medien das Leben als Hausfrau und (potenzielle) Mutter romantisieren. Sie zeichnen ein sorgfältig kuratiertes Bild. Man sieht Bilder von jungen Frauen in langen Röcken, die die Natur genießen, von frisch gekochtem Essen, sorgsam aufgeräumte Küchen gepaart mit der performativen Fürsorge für Mann und Kind(er). Klar ist: Nicht alle Frauen, die zu Hause bleiben und aktuell Hausfrauen sind, sind automatisch Tradwives. Gleichzeitig gilt wie bei allen Social-Media-Phänomenen auch beim Tradwife-Trend: Die Biografie der Accountbetreiberin und der Account sind miteinander verwoben. Mit ihren Bildern knüpfen die Tradwives an die Vorstellungen einer bürgerlichen Geschlechterordnung an, die strikt binär ist. In der alles eine klare geschlechtliche Ordnung hat, samt vergeschlechtlichter Aufgabenteilung. Zugespitzt bedeutet das: Männer in die Öffentlichkeit, Frauen ins Private. Diese Teilung durchzieht viele weitere Ebenen, etwa vergeschlechtlichte Emotionen. Frauen gelten demnach als fürsorglich und liebevoll. Auf den Tradwife-Accounts wird diese Ordnung in aller Konsequenz dargestellt. Die Frauen ordnen sich ganz bewusst ihren Männern unter. Diese Unterordnung wird nicht nur dargestellt, sondern als „freie Lebensstilentscheidung“ gefeiert.
Tradwives als politische Akteurinnen
Das Phänomen stammt aus den USA, wo die Inhalte zuerst in Reddit-Foren auftauchten. Schnell entstanden Verbindungen zur Alt-Right-Bewegung und zu White Supremacists. Zwar sind nicht alle Tradwives explizit politische Akteurinnen, doch es ist kein Zufall, dass sich die Accounts, wenn sie sich politisch äußern, nicht progressiv zu Wort melden. Die ideologische Überschneidung auf der Ebene der Geschlechterbilder ist offensichtlich. Dies machen sich rechte Akteur*innen und Gruppierungen zu Nutze. Einige Influencerinnen aus dem Umfeld der Identitären Bewegung nutzen die Tradwife-Ästhetik gezielt zur Verbreitung rechter Ideologie. Ebenso ist die Tradwife eine Figur, die gut als Brücke zwischen religiösen und politischen rechten Gruppen funktioniert. Zwei eindrückliche Beispiele sind Freya Honold mit ihrem Account @freyarosi und Annie Hunecke. Der Account von Honold bekam vor einigen Jahren bereits Aufmerksamkeit, jedoch blieb das Projekt relativ erfolglos. Seit Anfang 2025 ist sie mit neuem Content aktiv. Sie ist nun verheiratet und hat ein Kind. Neben schön präsentierten Lifestyletipps zeigt sie nun, was sie ihrem Mann zum Essen auf die Arbeit mitgibt, wie sie Brötchen backt oder wie sie im Biomarkt einkauft: keine direkt politischen Inhalte, kein offener Rassismus oder Antifeminismus. Anders sieht dies beim Account @anniehunecke aus. Sie sieht in ihrem Account einen Ausdruck des Abwehrkampfes gegen die Moderne und verwendet in Anlehnung an den gleichlautenden Titel des Buches von Julius Evola den Hashtag #revolteagainstthemodernworld oder auch den Hashtag #ibster. Sie teilt also klassische Bezugspunkte der „Neuen Rechten“. Während sich Freya Honold betont unpolitisch gibt, versucht Annie Hunecke eine sichtbare Brücke zu schlagen zwischen Tradwife-Ästhetik und politischer Artikulation.
Aber warum inszenieren sich politische Aktivistinnen, die bewusst in die Öffentlichkeit wirken wollen, ausgerechnet als Tradwives – also als Frauen, deren vermeintlicher Wirkungsbereich das Private, Häusliche ist? Die Schnittmengen zwischen extrem rechter Ideologie und dem Tradwife-Trend sind offenkundig. Er fügt sich nahtlos in die Politisierung rechter Weiblichkeit ein. In dem, was Julia Haas 2020 mit Blick auf extrem rechte Weiblichkeitsentwürfe als „wehrhafte Weiblichkeit“ beschrieben hat, wird eine Art Rebellion gegen die Moderne offensichtlich – ein Gegenentwurf zu Emanzipation und gesellschaftlichem Wandel. Die Nähe zur extremen Rechten ist nicht zuletzt durch den mal latenten, mal offensiven Antifeminismus zu erklären. Viele Tradwives positionieren sich dezidiert gegen den modernen Feminismus. Mit dem Slogan „Femininity not Feminism“ backen Tradwives nicht nur gerne, sondern betonen dies als Akt der Abkehr vom feministischen Lifestyle und als Rückkehr zu vermeintlich wahrer Weiblichkeit.
Rückzug ins Private als Antwort auf die Care-Krise
In einer Gesellschaft, in der Frauen Kinder kriegen und Karriere machen sollen und das Ganze am besten top gestylt, bietet das Ideal der Tradwife eine (vermeintliche) Lösung: eine Konzentration auf das Private. Auch abseits neoliberaler Ideale gibt es eine Reihe an Lebensrealitäten, in denen die Konflikthaftigkeit der „doppelten Vergesellschaftung der Frau“ (Regina Becker-Schmidt) sichtbar wird. Es ist immer noch gesellschaftliche Realität, dass Reproduktionsarbeit unbezahlt neben der Lohnarbeit geleistet wird. Müttern wird die alleinige Verantwortung für Kinder zugeordnet und Sorgearbeit in der Kleinfamilie verortet. In Anlehnung an Leo Löwenthals Konzept der „Malaise“ lässt sich das Tradwife-Narrativ als Reaktion auf das unerfüllte emanzipatorische Versprechen der Moderne lesen. Es bietet eine vermeintliche Antwort auf das Unbehagen mit dem kapitalistischen Alltag. Aber die Rückkehr ins Private erschwert kollektive Organisierung. Statt gesellschaftlicher Analyse wird das Problem individualisiert. Der dem Tradwife-Phänomen innewohnende Appell lautet: Zieht euch zurück, sorgt euch um euer Heim, um euren Mann, darin liegt euer Glück. Die Figur der Tradwife ist auch ein Symptom der Care-Krise.
Die Inhalte von Tradwives wirken jedoch nicht nur auf Frauen. Sie dienen auch als Projektionsfläche für männliche Fantasien und Sehnsüchte: Die Vorstellung von einer Frau, die sich freiwillig unterordnet, wirkt auf viele Männer anziehend. Kommentarspalten unter den Videos bezeugen eine regelrechte Sehnsucht nach der „idealen Hausfrau“. Hier offenbart sich eine enge Verbindung zu anderen misogynen Subkulturen – die Tradwife wird teilweise als weiblicher Counterpart zum „Incel“ gelesen.
Welche Tradition?
Tradwives beziehen sich auf unterschiedliche zeitliche Epochen, wenn sie von Tradition sprechen: auf die 50er-Jahre-Nachkriegszeit, auf die Kaiserzeit, aber auch das vorindustrielle Zeitalter. Gemein ist diesen Bezügen eine starke Verklärung früherer Lebensverhältnisse. Was heute als Inbegriff von Romantik verkauft wird – Brotbacken, Gemüseanbau, Bienenhaltung – war früher schiere Notwendigkeit. Selbstproduktion war keine Lifestyle-Option, sondern oft Überlebensstrategie. Die heutige Romantisierung von Ursprünglichkeit blendet dabei die materiellen Realitäten früherer Lebensweisen weitgehend aus. Auch das „Hausfrauenideal“ war historisch keineswegs so universell, wie es in Tradwife-Narrativen erscheint. Normativ war es zwar in Westdeutschland äußerst wirkmächtig, doch für viele Frauen – insbesondere außerhalb der Mittelschicht – war Lohnarbeit in der Nachkriegszeit notwendig zum Überleben. In der DDR wiederum waren Frauen zwar auch in erster Linie für die Familie verantwortlich, doch die staatlich verordnete Gleichberechtigung widersprach dem westlichen Bild des „Heimchens am Herd“ fundamental. Die Tradition fungiert also als flexibles Konzept, das sich gut einfügt in das antimoderne Ressentiment der Rechten samt des dazugehörigen Nostalgie-Kitsches.
Tradwives als ästhetische Brücke: anschlussfähig auch für progressive Sehnsüchte
Zurück zum Anfang: Warum schaut das bürgerliche Feuilleton so gebannt auf das Tradwife-Phänomen? Vielleicht weil es – trotz konservativer Botschaft – auf visuell-ästhetischer Ebene auch für progressive Kreise anschlussfähig ist. Die Bilderwelten der Tradwives wirken vertraut: frisches Sauerteigbrot, handgepflückte Sträuße, ruhige Küchenrituale, selbstgenähte Kleidung – all das findet sich ebenso im „Green Lifestyle“-Kosmos, im DIY-Trend, in Zero-Waste-Ästhetiken und Nachhaltigkeitsbewegungen. Die Bilder docken an eine wachsende kulturelle Sehnsucht nach Entschleunigung, Ursprünglichkeit und Selbstwirksamkeit an. Sie stehen visuell und emotional quer zu den Rationalitäten eines durchgetakteten, leistungsorientierten Alltags. Tradwives bieten also eine Ästhetik, die dem bürgerlichen Milieu auf irritierende Weise vertraut vorkommt und gleichzeitig in ihrer antifeministischen Positionierung dem (vermeintlich) progressiven Selbstverständnis entgegensteht. Die Tradwives sind keine Provokation, sondern vielen kulturell näher, als ihnen womöglich lieb ist. Eine Gesellschaft, in der man das „Rechts“-Sein lieber im Außen verortet, tut man sich besonders schwer mit Ähnlichkeiten, die das eigene Selbstverständnis in Frage stellen könnten.
Was nun?
Tradwives verdienen eine kritische Beobachtung – insbesondere dort, wo sie Anschluss an rechte Ideologien bieten, etwa wenn Lukreta den Hashtag #TradNotTrans nutzt, um sich transfeindlich zu positionieren und antifeministische Narrative zu verstärken. Gleichzeitig sind Tradwives nicht einfach nur eine pastellfarbene Variante des Antifeminismus. Eine Kritik, die sich über Zöpfeflechten und Kuchenbacken lustig macht, übersieht womöglich relevantere Mechanismen. Denn für ein progressives Projekt verdienen auch jene Frauen einen differenzierten Blick. Diejenigen, die aus freien Stücken oder aus struktureller Notwendigkeit als Hausfrauen leben, gilt es aus einer feministischen Praxis heraus weder moralisch abzuwerten noch romantisierend zu verklären. Es braucht eine Analyse, die zwischen Ästhetik, Lebensrealität und politischer Strategie unterscheidet. Es gil,t das Tradwives-Phänomen zu beobachten, aber ohne andere extrem rechte Akteurinnen und Präsentationsformen extrem rechter Ideologie aus dem Fokus zu verlieren.