„Mein Kampf“ in der Ausstellung des „Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände“ in Nürnberg.
Glen Bowman (CC BY 2.0 )

Das Buch der Deutschen

Adolf Hitlers Propagandaschrift vor 100 Jahren

Der „Führer“ konnte nicht nur schreien, sondern auch schreiben. Seine Propagandaschrift „Mein Kampf“ machte den „Redner“ auch zum „Schriftsteller“ und zum Millionär.

Nach dem gescheiterten Marsch auf die Feldherrenhalle in München 1924 wurde Adolf Hitler für den Putsch-Versuch nach seiner Flucht festgenommen, in der Festung Landsberg unter günstigen Haftbedingungen inhaftiert und Ende des Jahres wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Jener „Marsch auf die Feldherrenhalle“ war eine billige Kopie des sog. Marsches auf Rom des italienischen Diktators Benito Mussolini, Hitlers Vorbild, und sollte dessen Vorherrschaft im rechtsradikalen Lager sichern. In der luxuriös verbrachten Haftzeit verfasste er den I. Band seiner Propaganda-Schrift „Mein Kampf“. In ironischem Ton nannte er seine Zeit der Festungshaft auch „Hochschule auf Staatskosten“. Um es direkt zu sagen: Das Werk ist schändlich und schlecht geschrieben, aber unlesbar ist es nicht und ist es auch nicht gewesen. Heutzutage ist es eine unverzichtbare Quelle des Nationalsozialismus. Es hatte nicht nur den Reiz des angeblich Verbotenen – heute wirkt das Werk sperrig und wie aus der Zeit gefallen, die frühere Faszination an dem Inhalt ist aber nicht mehr vorstellbar.

Ein müder, streunender Hund

Der I. Band verkaufte sich anfangs im Gegensatz zum im Jahr darauf verfassten II. Band ganz gut, danach erschien eine geglättete Fassung in einem Band. Darin glättete Hitler nicht nur seine eigene Biographie, sondern schrieb auch über seine außenpolitischen Vorstellungen und seinen Antisemitismus. Besonders im II. Band offenbart die dargelegte Geschichte der NSDAP ihre Entstehung als Propagandapartei. Im I. Band hingegen glättet Hitler vor allem seine Anfangszeit in Wien: Von seinem Aufenthalt im Obdachlosenasyl und im Männerwohnheim erfährt man bei der Lektüre genauso wenig wie von den gescheiterten Versuchen des „Kunst-Malers“, an der Kunstakademie angenommen zu werden. Hitler kam als Gescheiterter aus Wien zum 1. Weltkrieg und danach nach München, über sein politisches Profil zu jener Zeit lässt sich wenig sagen. Hauptmann Karl Mayr, ein Offizier der Reichswehr und glühender Antisemit, der ihn 1919 „entdeckte“ und förderte, schätzte ihn als völlig opportunistisch ein: „In dieser Zeit war Hitler bereit, von irgendjemandem einen Posten anzunehmen, der ihm freundlich gesinnt war. Er glich einem müden, streunenden Hund, der nach einem Herrn suchte. (…) Das deutsche Volk und sein Schicksal ließen ihn kalt.“

Der „Redner“ wird zum „Schreiber“

Hitler hatte sich sein Charisma mühsam antrainiert und an Wagner-Inszenierungen geschult. Seine Inszenierungen versprachen Gaudi für das Publikum: Statt logisch aufgebauter Reden wollte man lieber unterhalten werden und über andere und deren Gebrechen sowie über die eigene Niedertracht befreit lachen können, da fügte sich Hitlers Antisemitismus gut ein. „Der Führer“ bot den Leuten, was sie wollten.
Der Soziologe Max Weber unterschied als Idealfall drei unterschiedliche Formen von Herrschaft: Die traditionelle, die bürokratische und die charismatische Herrschaft, die auf den Glauben an die Sendung der Autorität aufbaut. Anfangs war Hitler kein Charismatiker. Er wurde es erst durch kontinuierliches Üben als Redner und durch die Unterstützung der NSDAP als damals moderner Propagandapartei. Hitler gab als Berufsbezeichnung oft „Kunst-Maler“ an, später auch „Redner“. Hitler war zu früher Zeit keineswegs das einzige Zugpferd der radikalen Rechten: Während ihn beispielsweise 1921 im Circus Krone 7.000 Leute besuchten, kamen zu den Vaterländischen Verbänden 1922 ca. 50.000 Anhänger auf den Münchner Königsplatz. Als er 1924 vor Gericht stand, bezeichnete er den kleinen Krämer und den „kleinen Spießer“ als zentrale Adressaten der NSDAP. Nach dem Erscheinen von „Mein Kampf“ nannte sich Hitler auch „Schriftsteller“ und „Literat“.

Tat-Mensch

Hitlers Buch war damit untypisch für die faschistische Propaganda, die den Literaten verachtete und seit Mussolini dagegen den Tat-Menschen verehrte, der, statt bloß zu reden oder gar zu schreiben, handelte. Im Gegensatz zum Kommunismus oder zum Liberalismus brachte der Faschismus keine Schrift von herausragender Bedeutung hervor, sondern war geprägt durch die Praxeologie und agitatorische Propaganda, die Rede. Der Film – hier beispielhaft eingesetzt in „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl – entfaltet die volle faschistische Propagandaform. Sogar Hitler selbst schrieb im Vorwort seiner Propagandaschrift: „Ich weiß, dass man Menschen weniger durch das geschriebene Wort als vielmehr durch das gesprochene zu gewinnen vermag, dass jede Bewegung auf dieser Erde ihr Wachsen den großen Rednern und nicht den Schreibern verdankt. Dennoch muss zur gleichmäßigen und einheitlichen Vertretung einer Lehre das Grundsätzliche niedergelegt werden für immer.“

Wir wissen aus Brigitte Hamanns akribischer Aufarbeitung von Hitlers Wiener Zeit, dass er germanischen Heldensagen und den Opern Richard Wagners anhing. Doch aus „Mein Kampf“ geht nicht hervor, dass er völkische Schriftsteller, wie etwa den österreichischen Ariosoph Jörg Lanz von Liebenfels, den Erfinder des Hakenkreuzes als Symbol der Völkischen, oder die völkischen Ostara-Hefte wirklich gelesen hat. In seiner Propagandaschrift tauchen sie jedenfalls nicht auf. Wohl jedoch der Wiener Bürgermeister Karl Lueger und der Führer der österreichischen Deutschnationalen, der radikale Antisemit Georg von Schönerer, die Hitler zum Vorbild wurden. In Wien, so schreibt er in seinem Buch, habe sich „seine schwerste Wandlung“ vollzogen, nämlich die Bekehrung „vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten.“

Vom deutschen Volk ersehen?

Mit der Machtübergabe wuchs auch das Konto „des Führers“. Hitlers Schrift verkaufte sich rund 12,5 Mio. mal und war damit das meist verkaufte „Sachbuch“ des „Dritten Reiches“, das zumindest auszugsweise gelesen wurde. Hitler hatte sein Honorar mit 15 Prozent Umsatzbeteiligung sehr hoch bemessen lassen. Das machte den Diktator, der keine Steuern zahlte, zum Millionär. Die Propagandaschrift wurde zu Schulungszwecken im „Dritten Reich“ eingesetzt und auch in öffentlichen Bibliotheken war die Ausleihzahl hoch. Die Geschichte vom nicht gelesenen Buch hält der Überprüfung nicht stand, sondern erweist sich als Entlastungs-Märchen. Jede*r konnte lesen, was Hitler im Kopf hatte, der seine Vernichtungsfantasien ziemlich klar offenbarte, schrieb, was er vorhatte. Auch wenn er nicht explizit von der „Endlösung der Judenfrage“ schrieb. Machtgieriges Denken und Militarismus bilden das Fundament des Buches. Hitler offenbarte, dass er den Krieg verehrte und ihn führen wollte.

Nach Kriegsende wurde der bayrische Staat zum Urhebeerrechtsinhaber von „Mein Kampf“, bevor 1964 das bayrische Finanzamt die Urheberrechte übernahm. Zwar durfte niemand das Werk drucken und offiziell verkaufen, der Besitz war entgegen Gerüchten jedoch nicht strafbar. Neonazis versuchten immer wieder, das Werk in Umlauf zu bringen. Der US-Neonazi Gerhard Rex „Gary“ Lauck versuchte beispielsweise jahrzehntelang, ein Vertriebsnetz aufzubauen. Doch das Werk verkaufte sich nach Ende des „Dritten Reiches“ eigentlich nur im Nahen Osten ganz gut. Im Iran ist das Buch neben dem antisemitischen Fälschungstraktat „Protokolle der Weisen von Zion“ in der Auslage der Bücherregale erhältlich.

Vom deutschen Volk auserwählt?

Ähnlich wie in dem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ vom Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke legte Hitler in seinem Buch klar dar, was er wollte. Auch bei Höcke kann jede*r lesen, was er mit der AfD vorhat. Trotzdem wählten die Thüringer*innen ihn und seine Partei im letzten Jahr zur stärksten Kraft. Frappierend ähnlich ist der Aufbau: Auch Höcke schreibt zuerst beschönigend zu seiner eigenen Person (Hitler hauptsächlich in seinem I. Band), bevor er auf die Funktion seiner Partei kommt. Zur Politik sei er, ähnlich wie „der Führer“, von dem deutschen Volk „auserwählt“ worden. Dabei schwärmt er, ähnlich wie Hitler in „Mein Kampf“, von germanischen und abendländischen Sagen und Märchen, die mit Gewaltdrohungen verknüpft werden: „Ansonsten wird ein neuer Karl Martell vonnöten sein, um Europa zu retten.“ Also ein Adliger, der die Muslime militärisch bekämpft und das Abendland rettet, wie der Historiker Edward Gibbon 1788 romantisierte. Hitler schrieb dem Arier eine gewisse Naivität zu, der zur angeblichen Hinterhältigkeit des Juden gar nicht fähig sei: „Mit dem Entstehen der ersten festen Siedlungen ist der Jude plötzlich »da«. Er kommt als Händler und legt anfangs noch wenig Wert auf die Verschleierung seines Volkstums. (…) Bei seiner Geschmeidigkeit und der Unerfahrenheit des Gastvolkes bedeutet die Beibehaltung seines Charakters als »Jude« auch keinen Nachteil für ihn, sondern eher einen Vorteil; man kommt dem Fremden zuvorkommend entgegen.“

Nationalsozialismus in der Demokratie

Nach Höcke hat eine solche Freundlichkeit jedoch Grenzen: „Aber irgendwann ist auch bei uns die Geduld am Ende, dann bricht der legendäre ‚Furor teutonicus‘ hervor, vor dem die alten Römer schon gezittert haben.“ Er will eine Abschiebepolitik großen Ausmaßes: ,,die geordnete Rückführung der hier nicht integrierbaren Migranten in ihre ursprünglichen Heimatländer wird eine große Herausforderung sein und viele Jahre in Anspruch nehmen. Dazu bedarf es einer intensiven Kooperation zwischen den betroffenen europäischen Ländern und den Rücknahmestaaten Afrikas und Asiens.“ Das gehe nicht ohne menschliche Härten, so Höcke: „ …neben dem Schutz unserer nationalen und europäischen Außengrenzen wird ein groß angelegtes Remigrationsprojekt notwendig sein. Und bei dem wird man, so fürchte ich, nicht um eine Politik der ‚wohltemperierten Grausamkeit‘ (…) herumkommen. Das heißt, dass sich menschliche Härten und unschöne Szenen nicht immer vermeiden lassen werden.“

„Mein Kampf“, er kommt uns wieder näher, als wir uns vorstellen können. Der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno schrieb 1963 über die Aufarbeitung der Vergangenheit: „Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.“ Gleichzeitig dient „Mein Kampf“ als Blaupause für neue faschistische Ambitionen.

Weiterlesen