Tolkiens Mittelerde
Ein Ort ohne Politik?
„Der Herr der Ringe“ ist das Standardwerk der Fantasy-Literatur. Spätestens seit seiner Verfilmung durch Peter Jackson kennen wohl fast alle Menschen die Geschichte über die rätselhaften Ringe der Macht und die Rettung von Mittelerde vor dem dunklen Herrscher Sauron. John Ronald Reuel Tolkien hat in der Literaturgeschichte für die Fantasy in etwa den Stellenwert, den Edgar Allen Poe für das Horror- und Krimi-Genre einnimmt. Schon seit Jahrzehnten debattieren Fans und Gegner*innen über die politische Richtung von Tolkien und des Genres. Inhaltlich sind viele dieser Bücher ähnlich gestaltet: Eine Gruppe von Abenteurer*innen muss sich einer Herausforderung stellen, in deren Lauf mit physischen sowie spirituellen Kräften ein Ziel erreicht wird. Dabei trifft die Gruppe auf alle möglichen Bösewichte, Monster und Dämonen. Diese werden natürlich besiegt. Irgendwann erscheint dann der Endgegner, wird vernichtet und die Mission ist erfüllt. Diese Erzählstruktur ist schon bei dem Tolkien-Roman „Der kleine Hobbit“ aus den 1930er Jahren erkennbar und heute noch häufige „Dramaturgie“ in Computerspielen und Fantasy-Romanen.
Wer war Tolkien?
J.R.R. Tolkien war das Musterbild eines schrulligen, exzentrischen, konservativen Briten. Ein höflicher Mann mit karierter Jacke und Pfeife, der am liebsten Zuhause oder in der Uni war. Aber er hatte es nicht immer leicht. Um ihn zu verstehen, muss man in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückgehen. Tolkien hat als junger Mann das Gemetzel an der Westfront überlebt, verlor aber zwei seiner drei besten Freunde im Inferno der Somme-Schlacht 1916. Er selbst erkrankte dort schwer und musste nach seiner Genesung nicht mehr an die Front. Diese Erfahrungen haben ihn stark geprägt. Das Böse kam in seinen Büchern aus „Mordor“ im Osten, so wie für die englischen Soldaten in Flandern in Form der deutschen Armee. Das lässt viel Platz für Interpretationen. War mit Mordor etwa das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II. gemeint? Oder Josef Stalins Sowjetunion? Vielleicht sogar Nazi-Deutschland? Ist „Der Herr der Ringe“ ein Schlüsselroman oder doch nur eine etwas bessere Abenteuergeschichte? Jedenfalls hat der Brite die Geschichte bereits vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs begonnen, sie aber erst danach vollendet.
Das Buch hat einen stark kriegerischen Inhalt, in dem sich – fast wie in Kriegspropaganda üblich – Gut und Böse unversöhnlich gegenüberstehen: Die Söhne des Lichts befinden sich im Kampf gegen die Söhne der Finsternis. Ab und an sind im großen Ringkrieg auch mal die Töchter dabei, aber die Welt des englischen Erzählers ist im Großen und Ganzen noch so, wie es sich vor über 70 Jahren, als das Buch vollendet wurde, gehörte: Männer kämpfen, Frauen, Alte und Kinder laufen um ihr Leben – viel mehr gibt es da nicht. Oder doch: Böse Orks sind immer schwarz, die edlen Elben weiß assoziiert. Das ändert sich gerade etwas, weswegen sich rechte Tolkien-Freund*innen auch über die neue Amazon-Adaption „Die Ringe der Macht“ ärgern, in der dem angeblich dominierenden linken Zeitgeist entsprechend Schwarze Elben auftauchen.
Tolkiens manichäisches Weltbild wurde deutlich von christlichen Vorstellungen inspiriert. Der edle Zauberer Gandalf wirkt wie eine Fantasy-Version des Erzengels Michael, der die himmlischen Heerscharen in das letzte Gefecht von Armageddon führt. In der großen Schlacht um die Festung Helms Klamm erscheint Gandalf in der Verfilmung als Erlöser. Tolkien war ein überzeugter Katholik und das beeinflusste ihn mindestens so wie das Fronterlebnis 1916. Im frühen 20. Jahrhundert waren katholische Menschen im post-viktorianischen England eher Außenseiter*innen und wurden oft diskriminiert. Das mag der Grund sein, warum „Der Herr der Ringe“ so unterschiedliche Interpretationsansätze bietet. Denn Tolkien war zwar eindeutig ein Konservativer, der aber trotzdem ein Herz für Außenseiter*innen hatte.
Schwarz und Weiß – kaum Zwischentöne
Nach dem Ersten Weltkrieg brachte er es zum hochgeachteten Professor der Philologie in Oxford, der gerne wundersame Geschichten für seine Kinder erfand und aufschrieb. Er hatte großen Spaß daran, Sprachen zu generieren und die verschiedensten Wesen zu erfinden. Seit den Hollywood-Blockbustern von Peter Jackson kennen fast alle die Elben, Orks, Nazgul, Zwerge und natürlich vor allem die Hobbits. Der Hobbit ist die perfekte Verkörperung des satten, konservativ-liberalen Kleinbürgers, der jede Veränderung ablehnt. Die sympathischen Gesell*innen aus dem Auenland verbringen ihre Zeit am liebsten mit Banalitäten. Heute würde man sagen, sie „chillen“ in ihren Höhlen. Über diese Idylle hat sich der berühmte Fantasy-Autor George R.R. Martin amüsiert gefragt, wo die kleinen Hobbits denn eigentlich herkommen? Sexualität findet bei Tolkien nicht statt. Selbstverständlich ist bei ihm auch niemand non-binär.
Die Hobbit-Idylle hält, bis die Bedrohung – natürlich von Außen – kommt. Kaiser Wilhelm II., Migrant*innen, linke Störer*innen oder eben der dunkle Herrscher Sauron: es gibt immer Leute, die das Paradies stören. Und das Böse, wie es Sauron verkörpert, ist nur schlecht, es gibt keine Zwischentöne. In dieser Figur schimmert die christliche Vorstellung von Satan beständig durch. Um Mittelerde zu retten, bildet sich eine verschworene, natürlich rein männliche Gemeinschaft, die den Ring, der alle versklaven kann, vernichten will. Es ist wie bei George W. Bushs „Krieg gegen den Terror“: Alle Menschen gehören dabei zur guten oder zur bösen Seite, sind dafür oder dagegen. Allerdings war Tolkien auch zu komplexeren Sichtweisen fähig. So ist die Figur des Gollum, eines „böse“ gewordenen Hobbits, vielleicht der interessanteste Akteur des Romans. Er ist die Kreatur, die am Ende ungewollt den Ring und damit Sauron vernichtet. Zudem erfand Tolkien die Ents als Wächter des Waldes, die so manchen Wunschtraum militanter Naturschützer*innen widerspiegeln. Des Weiteren kann der schlimmste Diener des dunklen Herrschers nur von einer Frau getötet werden. Das passiert auch – durch eine als Mann getarnte Kämpferin, schließlich ist Krieg an sich bei Tolkien Männersache.
Wofür steht das Buch?
Um die Ambivalenz von Tolkiens Werk zu begreifen, hilft ein Vergleich mit einem Subgenre der Fantasy, der Sword-and-Sorcery-Literatur. Hier vernichten starke, archaische Männer aus mythischen Orten wie Hyperborea oder Atlantis ihre Feinde durch extreme Gewalt und werden dafür von schönen Frauen angehimmelt. Der bekannteste Vertreter ist „Conan der Barbar“, der besonders durch die Verfilmung mit Arnold Schwarzenegger berühmt wurde. Psycholog*innen hätten sicher einen interessanten Patienten in dessen Schöpfer Robert. E. Howard gefunden, einem Autoren, der sich im Alter von 30 Jahren erschoss, als er erfuhr, dass seine Mutter unheilbar krank war. Conan war in den 1980er Jahren ein echtes Vorbild für viele Männer, der Film trug zudem stark zum Boom der Bodybuilding-Szene bei. Gegenüber Gestalten wie Conan gab es schon vor der Verfilmung von 1982 Faschismusvorwürfe. Die Autoren konterten, dass es sich nur um unpolitische Unterhaltung für „richtige“ Männer handle, so etwa Lyon Sprague de Camp, immerhin Preisträger des Literaturpreises „Gandalf Grand Master Awards“. Diese Schreiber waren häufig eher Bohemiens als Neonazis, der Inhalt ihrer Bücher für Linke aber höchst bedenklich.
Bei Tolkien sind diese Dinge nie so primitiv und eindeutig. So wären zu „Der Herr der Ringe“ mindestens zwei Lesarten denkbar: Vorwürfe rechter Tendenzen sind Unsinn. Man schaue sich nur die Diversität der tolkienschen Held*innen an. Es wimmelt nur so von den unterschiedlichsten Formen intelligenter Wesen, die sich zusammenschließen, um die faschistische Bedrohung durch Mordor zu bekämpfen. Und das wird demokratisch legitimiert, man bedenke, dass sich die Gemeinschaft des Rings durch Beratungen zwischen Elben, Menschen, Zwergen und eben Hobbits gründet. Auch wenn sie ohne Gandalf aufgeschmissen wären, organisieren sie sich ohne offiziellen Anführer.
Es ist aber auch vorstellbar, es so zu sehen: Tolkien wirft uns in eine absolut patriarchale Welt, in der Konflikte fast ausschließlich mit Gewalt gelöst werden, Liebe und Sexualität kaum eine Rolle spielen, feudale Denkmuster hochgehalten werden und ein unerträgliches Schwarz-Weiß Denken vorherrscht. Der Autor macht beides. Und wegen dieser Uneindeutigkeit klappt es auch mit Leser*innen von rechts und links. Tolkien selbst hat seine Bücher als unpolitisch gesehen, war stockkonservativ, lehnte aber die Nazis und deren Antisemitismus ab.
Wie rechts ist der Herr der Ringe?
Was also interessiert die extreme Rechte an Tolkien? Jenseits von gewaltbereiten, kriegerischen Elementen dürfte das vor allem die Erfindung von identitätsstiftenden Mythen sein. Der Philologe mit Faible für alte Sprachen kannte natürlich europäische Sagen wie die Edda, Artus, Beowulf und andere gut und wollte ein entsprechendes Werk für ein englisches Publikum erfinden. Vieles davon findet sich in seinem unvollendeten Buch „Das Silmarillion“, das vor allem von der Spiritualität in Mittelerde handelt. Hier gibt es einen Berührungspunkt: Für viele Anhänger*innen der extremen Rechten ist die Suche nach der eigenen Herkunft, etwa des Ursprungs des arischen Menschen von zentraler Bedeutung. Der Anfang der völkischen Bewegung liegt hierzulande nicht zuletzt darin begründet.
Das Märchen von der „rassischen“ Überlegenheit des Ariers begründet sich auch in Mythen rund um Atlantis, Thule und anderen Fragwürdigkeiten. Viele rechte Autor*innen aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus beschäftigten sich intensiv damit, dem Arier den rechtmäßigen Anspruch auf die Weltherrschaft auf Grund alter Mythen zuzuschreiben. Da muss man nur kurz in Bücher esoterischer Frühfaschisten wie beispielsweise Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels schauen. So wird deutlicher, warum extrem rechte Medien wie Compact den britischen Schriftsteller so feiern: „Tolkien übertrug die zeitlosen Wahrheiten des Mythos in eine moderne Erzählung“. Noch klarer wird das bei dem rechten Autoren Armand Berger: „Die Kosmogonie, die (…) Tolkien erschaffen hat, bietet eine wahre Wiederverzauberung der Welt, so wie es einst die alten Traditionen taten.“ Kurz gesagt: Das Problem bei der „Herr der Ringe“ ist nicht, dass es ein Buch ist, das direkt für den Faschismus wirbt, sondern dass es ein spielerischer, kreativer, aber reaktionärer Blick „zurück“ ist. Und dieses „zurück“ ist der extremen Rechten ein willkommener Anknüpfungspunkt, lehnen sie doch die Moderne ab und suchen die Lösungen aller Probleme in vordemokratischen Denkmustern, von denen Tolkiens Werk zumindest stark mitgeprägt ist.